Warum gehst du nicht zum Arzt?

30. Mai 2017 5 Von Arlette

Fragte meine Mama gestern Abend am Telefon. “Ich würde halt nicht da sitzen und sagen, so ist es jetzt, sondern zum Arzt gehen.”

Ja, Mama. Wenn ich mir etwas davon verspräche, ginge ich hin. Ich versprech mir aber nichts davon, also lass ich es.

Der schwarze Hund ist da. Und er ist ungefähr so groß wie eine Dänische Dogge, macht sich breit, stört, nervt, lähmt und blockiert mich. Seit Wochen schon, am Anfang im Chihuahua-Format, und ob bei der Dogge jetzt mal Schluß ist, weiß ich noch nicht. Aber ich hoffe es, ich kann das nämlich eigentlich nicht mehr aushalten so. Es ist tiefschwarz, öde und verlassen, da, wo ich meine Seele vermute.

Bild: Pixabay

Interessanterweise ist dieses Gefühl irgendwo zwischen Herz und Magen angesiedelt, und es ist wie ein Klotz, der alles blockiert – Appetit habe ich keinen, Entspannung finde ich keine, und gleichzeitig fällt mir alles wahnsinnig schwer, als würde ich durch Sirup waten. Es ist so anstrengend. Dazu kommt das Chaos hinter der Stirn, meine Gedanken rennen alle durcheinander und finden überhaupt keine geordneten Bahnen mehr. Das ist am schwierigsten für mich, denn gerade, wenn es dunkel ist, brauch ich dringend Struktur, an der ich mich festhalten kann, die mich durch den Tag bringt.

Warum also geh ich nicht zum Arzt?
Weil ich nicht weiß, was ich da soll. Ich nehme ein Antidpressivum. An der Dosierung kann ich auch ohne Rücksprache noch ein bißchen drehen, und wenn es gar nicht besser wird, bald, tue ich das auch. Aber ich hab Angst, dass es auch mit der Höchstdosis nicht besser wird. Was mach ich dann? Wenn es dann nicht besser wird, ruf ich an.
Aber mal ganz ehrlich, was soll er machen? Antidepressiva helfen nicht immer, so, wie eine Kopfschmerztablette das täte. Ich weiß das gut, ich habe schon viel Zeit in meinem Leben auf der Suche nach dem richtigen Medikament verbracht, und einige Nebenwirkungen einiger Versuche sind mir in prägender Erinnerung geblieben. Fakt ist, manchmal (ok, ziemlich oft, aber das will ja auch keiner hören) helfen Medikamente eben nicht.

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Und eine Therapie?

Ich habe fast neun Jahre lang Therapien gemacht. Ich bin so dermaßen therapiemüde, mir fällt schon beim Gedanken daran der Kopf auf die Tischplatte vor Erschöpfung. Mein Psychiater sagt, das ist schon ok so und darf so sein, ich werd wissen, wenn die Bereitschaft hier wieder eine andere wird.

Meine Erfahrung sagt, es geht vorbei. Weil es immer vorbeigeht. Also, bisher zumindest. Aber ich hab trotzdem jedes Mal Angst, dass es dieses Mal eben nicht wieder hell wird. Und ich habe ganz besonders große Angst, meine Kinder in Mitleidenschaft zu ziehen, ihnen nicht gerecht werden zu können, so, wie sie es eigentlich verdient haben und es selbstverständlich sein sollte. Im Alltag ist funktionieren (bisher) kein Problem, aber das ist ja nicht alles, was Kinder brauchen.
Sie werden älter, und sie bekommen einen anderen Blick auf ihre Eltern und deren Verfassung. Ich möchte die Depression nicht einfach verschweigen, meine Kinder haben feine Antennen und spüren sowieso genau, wenn was nicht stimmt. Keinesfalls möchte ich, dass sie irgendwie die Idee bekommen, irgendwas an der zeitweise desolaten Seelenverfassung ihrer Mama sei ihre Schuld. Ich will hier nicht so einen schwarzen Fleck, den alle sehen, über den aber niemand spricht, um bloß nicht an ein unangenehmes Thema zu rühren. Eine verrückte Mutter, wie peinlich. Ein seelisch nicht ganz gesundes Kind, das ist glaube ich meiner eigenen Mama auch hin und wieder unangenehm. Obwohl sie gar nichts dafür kann. Sie findet das aber gar nicht so richtig gut, dass ich darüber auch blogge. So öffentlich. Aber, Überraschung, vom totschweigen geht es auch nicht weg. Und macht für meine Kinder nichtsnichtsnichts besser. Also reden wir darüber. Wenn ich nur wüßte, wie.
Ich möchte der Dame in schwarz nicht den Platz am Kopfende unserers Familientisches zuweisen, da sitzt traditionell das Kind, was am noch meisten kleckert und Unterstützung beim essen braucht. Lieber den Katzentisch, zu zentral soll es dann auch nicht werden.
Ich muß also mit den Kindern reden, über das, was da immer wieder kommt, auch wenn ich naiverweise jedes Mal, wenn es weg ist, hoffe “diesmal für immer”. Und ich finde das so unendlich schwer.
Ich hab mir Bücher empfehlen lassen, für kleinere und größere Kinder. Mal sehen, ob die was taugen und uns vielleicht helfen können, im Umgang mit dieser Scheißkrankheit, die so viele immer und immer wieder erwischt, und so vielen das Leben schwer macht. Nicht darüber reden und so tun, als wär nix, ist jedenfalls auch keine Lösung. Keine Kinder haben auch nicht. Ich hab das lange für meinen Weg gehalten, und ich habe auch heute immer wieder Schuldgefühle, weil ich Kinder bekommen habe, trotz dieser Krankheit und im Wissen darum, dass das vielleicht mein Leben lang immer wieder kommt. Aber hey, diese Bande nicht bekommen zu haben, wäre die denkbar schlechteste Alternative gewesen. Wir finden schon einen Weg.

von links nach rechts: die Pippi, die Mini, die Liese, der Lieserich. Die tollsten Kinder von allen.

Das Leben ist schön. Auch hinter der schwärzesten Nacht geht irgendwann wieder die Sonne auf. Hoffe ich.

“if I ever feel better” – das ist der eine Song, der mich von Anfang an begleitet. Seit mehr als 16 Jahren schon.