#notjustsad

9. September 2016 10 Von Arlette
Im Frühjahr 2001 ist meine Welt total aus den Fugen geraten. Ich hatte einen eigentlich tollen Job, der mir viel Spaß gemacht hat, und war verliebt in den coolsten Typen von allen. Ich war 25 und die Welt meine. Gelegentliche Anflüge von abgrundtiefem Weltschmerz und Angst vor der Zukunft hielt ich für altersentsprechend normal. Meiner hin und wieder auftauchenden inneren Leere, die mir das Gefühl gab, ziemlich haltlos durch das Leben zu stolpern, schenkte ich nicht allzuviel Beachtung, derlei Anwandlungen waren mir schon seit früher Jugend nicht so ganz fremd.
Bis ich einen Fehler im Job gemacht habe, der so dämlich war, ich hätte jede Praktikantin mit einem vermutlich bitterbösen Spruch über die Verteilung des Gehirns bei der Geburt dafür nach Hause geschickt.
Ich konnte mir den Fehler nicht verzeihen, wochenlang nicht. Ich habe gegrübelt, warum das passiert ist, nächtelang. Ich war völlig unverhältnismäßig verzweifelt, und es wurde einfach nicht mehr besser.
Meine Beziehung lief zunehmend schlecht, der Liebste war angenervt von meinem klammerigen, jammerigen, unsicheren Verhalten, und meinem ewigen Gehadere über diesen Fehler. Schön langsam gelangte ich zu der Ansicht, ich sei zu genau gar nichts nutze und stelle mich pauschal und immer dämlich an. Ich mochte irgendwann nichts mehr essen und habe mich hauptsächlich von Kaffee und Zigaretten ernährt, wochenlang, bis ich runter war auf 49kg bei 1,79m Körperlänge, und meine damalige Chefin mich sehr deutlich aufforderte, zum Arzt zu gehen.
Was dann folgte, war ein immens anstrengender Sommer und die Diagnose “mittelschwere depressive Episode, rezidivierend”. Meine klinische Psychologin war das Beste, was mir seinerzeit hätte passieren können, ich schreibe ihr bis heute von Zeit zu Zeit eine Karte.
Mehr als 15 Jahre ist das jetzt her, und die Episode ist verdammt oft wiedergekommen, mal nur auf eine kurze Stippvisite von ein paar Tagen, sehr viel öfter für ein paar Wochen und ganz selten mal für einen dauerhaften Besuch von ein paar Monaten. In jeder Schwangerschaft hat sie mich begleitet (und war eines meiner Hauptargumente dafür, ursprünglich gar keine Kinder haben zu wollen – vom fehlenden passenden Partner ganz zu schweigen). Die Depression hat mich meine damalige Liebe gekostet, und nicht nur die. Mein ganzes Leben habe ich auf links gekrempelt, nochmal ganz was anderes gemacht, Sinn gesucht (und gefunden, wenn auch ganz anders, als ich erwartet hatte).
Vor über elf Jahren hab ich mal versucht, dauerhaft davonzukommen. Hat nicht sollen sein, und meistens bin ich froh darüber. Jetzt ist es eh keine Option mehr, denn ich habe mir geschworen, ich versuche nie wieder, mir das Leben zu nehmen. Schon meinen Kindern zuliebe, denen ich die Bürde, dass eine Depression stärker war als meine Liebe zu ihnen, nicht mitgeben will.
Manchmal hab ich trotz allem, was ich über diese Krankheit inzwischen weiß, und trotz der Tatsache, dass es bisher immer, immer wieder hell wurde in meiner Seele, Angst, dass es irgendwann mal so bleibt, wie es ist, wenn es dunkel ist.
Dass ich einfach nichts schönes mehr fühlen kann. Dass ich funktioniere, bitte wenigstens das, aber von allen, die mir am Herzen sind, emotional getrennt bleibe, weil ich wie versteinert bin. Ich kann das so schwer in Worte fassen, aber wenn der schwarze Hund so verdammt viel Raum fordert, wie momentan, dann habe ich das Bedürfnis, mich zu erklären. Mir selbst, und auch den Kindern, später mal, wenn sie größer sind und hoffentlich verstehen können, warum ihre Mama manchmal so weit weg scheint, auch wenn sie mit am Tisch sitzt. In solchen Phasen gesellt sich zur Depression gerne noch das schlechte Gewissen dazu – wie um alles in der Welt konnte ich es wagen, mit dem Risiko, diesen Mist zu vererben, Kinder zu bekommen? Und die Ungewissheit, ob es mir, uns, gelingt, die Kinder halbwegs unbeschadet von diesen Episoden großzubekommen. Ich wünsche unseren Kindern so sehr, dass sie zu seelisch gesunden Erwachsenen werden, die das Leben lieben und nie daran zweifeln, dass sie einen Platz in dieser Welt haben und ihre Existenz gut und richtig ist. Ich möchte alles mir mögliche dafür tun, dass sie immerimmerimmer wissen, es hat nichts mit ihnen zu tun, wenn es bei mir dunkel wird. 
Also wird dieser Blog nicht mehr nur mein Näherinnermich, mein Familienepisodenbewahrer und mein SPO-Fotoalbum sein, sondern auch mein Platz für die ebenfalls zu mir gehörende “Dame in schwarz” (C.G. Jung). Vielleicht gelingt es mir so auch wieder besser, mit ihr fertigzuwerden.