Haste auch nen schiggen Pulli?

16. November 2015 6 Von Arlette
… fragt der Lieserich seit neuestem gern, wenn egalwer von uns sich anzieht. Anlass: er hat einen. Und was für einen supertollen. Einen Jesse, ohne Kapuze, aus blau-türkisem, leichten Chevronsweat von Kekero. Genäht nun auch schon in 98/104, wieso ist der Kerl denn plötzlich so groß?
Sieht dann so aus. 
 Eindeutig sein Lieblingspulli. Eigentlich ist ihm egal, was ich ihm anziehe, nur die Schuhe, die sucht er schon eine ganze Weile selber aus, und wenn sie nicht dem Wetter angemessen sind, und ich andere hinstelle, wird der Knabe etwas ungehalten *hust*
Seit er aber diesen schiggen Pulli hat, ist der Schuhtick passé und ich werde gefragt, ob er den bitte anziehen kann. Gerne täglich. Ein echter Volltreffer also. 
Gleiches hatte ich von diesem Exemplar eigentlich angenommen, genäht in 110/116, wieder Jesse, jetzt mit Kapuze und etwas verlängert. Gedacht für die Pippi, passend dazu (wenn auch nicht im Bild) eine grüne Littleleglove aus demselben Jersey, wie Kapuzenfutter und Bündchen.
 Die Pippi mag ja gern schwarz, und auch kräftige Farben sind ihre Sache. Bei diesem Sweat war ich mir total sicher, das ist genau ihrs. Sie fand den auch toll. Bis sie feststellen mußte, dass der nicht ganz so sehr dehnbar ist, und ihr Dickschädel da nur unter etwas mehr Zug als normal durchs Halsloch passt. 
Das alleine wäre noch nicht so schlimm gewesen, aber als ich dann noch FOTOS machen wollte, war es ganz vorbei.
 Naaaaaaaaaahhhhhhhhaaaaaeiiiiiiin, nicht, keine Bilder. Sprachs, bzw. schries und lief weg.
 Unter viel gutem Zureden seitens des Herrn Vaters und dem Angebot, aufs Topfregal zu klettern, durfte ich dann doch. Aber nur von hinten. Und ganz schnell sollte es bitte auch gehen. 
 Ich hab sie gefragt, ob sie den Pulli nicht mag und wir den lieber verschenken wollen. Fürs in-der-Schublade-versauern findeich den viel zu schade, und es haben ja nicht alle Mädels mit vier einen dermaßenen Dickkopf, wie die Pippi. 
Falsche Frage. Was hat sie mich angeschrien *umfall*. Der Pulli ist toll, bloß Fotos will sie keine machen, und weiter soll er sein, am Halsloch. Keine Fotos krieg ich hin, aber das mit dem Halsloch wird wohl schwierig. Mal sehen, wie das hier weitergeht. Eventuell verschenk ich ihn doch noch, den Jesse.
Nicht so zimperlich ist glücklicherweise die Jüngste im Bunde. Na gut, noch nicht. Das Lieschen spuckt sowieso ausnahmslos alles voll, was ich ihr anziehe – da gehe ich jetzt erstmal nicht von Mißfallen ihrerseits aus. Eigentlich hatte ich ja angenommen, fürs vierte Kind außer einem Heimkommdress gar nichts mehr nähen zu müssen. Hat auch erstmal gut funktioniert, die 56er-Kiste voller Lieblingssachen und das Sandkastenpaket zur Geburt haben uns die ersten 12 Wochen dicke ausgereicht. Nun ist die Lütte aus 56 aber definitiv raus, und in 68 versinkt sie noch sehr.
 …. und die Kiste mit den 62er Klamöttchen? Also, denen, die ich nach dem Lieserich noch aufgehoben hatte, in der Hoffnung, sie nochmal brauchen zu können? Tja…. die finde ich nicht. Die ist einfach weg. Verliehen und nicht wiederbekommen, fürchte ich.Wenn ich nur wüßte, an WEN. So viele kommen eigentlich nicht in Frage. Aber da die Mini auch schlecht warten kann, bis es mir wieder eingefallen ist, näh ich nun doch nochmal 62 für den Eigengebrauch. Zum letzten Mal ♥
 Das gute ist ja, dass der Stoffverbrauch da eher sparsam ist *gg*. Aus diesem tollen Sternensweat, wie alle Stoffe heute von Kekero, habe ich mir ein Oberteil zugeschnitten. Zeig ich dann mal her, wenn ich es irgendwann schaffe, es auch zu nähen und schummerige Küchenfotos zu machen.
Und der Rest hat locker noch für eine klimperkleine Babyhose in 62 gereicht. Die geht schön schnell, sieht toll aus und ist bequem. 
Bis auf die große Liese waren heute also alle Kinder in neu genähtes gewandet. Es macht mich immernoch stolz und froh, wenn ich die Bande so sehe und weiß, das hab ich gemacht. Das hätte ich mir vor vier Jahren niemals zugetraut, und heute wird außer Socken und Unterwäsche kaum noch was gekauftes aus dem Schrank gezogen – von Winterjacke und Co. mal ab, aber ich brauch ja auch noch Ziele *gg*
Ich habe trotzdem lange überlegt, ob ich sowas profanes wie neue Kinderklamotten überhaupt herzeigen mag, heute, an Tag drei nach den Ereignissen in Paris. Kann ich das, mich freuen über meinen Alltag, wenn gleichzeitig solche Dinge passieren, und zwar nicht gefühlt weit weg, sondern quasi um die Ecke? In einer Stadt, in der Menschen leben, die ich kenne und schätze, in einer Stadt, in der ich vor vielen Jahren mein Abitur gefeiert habe? An Orten, an denen ich mich sehr gut auch selbst hätte aufhalten können, vielleicht nicht in Paris, aber in Hamburg oder Berlin? Ein Fußballstadion, ein Musikclub, ein Straßencafé – alles das gehört hier auch dazu. Ich glaube, das ist es, was mich so fassungslos macht. Ich kann das nicht mehr wegschieben, mit dem Hinweis darauf, dass ich das Glück habe, nicht in einer Krisen- oder Kriegsregion zu leben. Das tue ich nämlich normalerweise, wenn mir das nachdenken über den Zustand der Welt, in der ich versuche, meine Kinder großzuziehen, den Hals zuschnürt und den Puls beschleunigt. Frankreich ist um die Ecke. Und ich habe Angst, eine Angst, die ich nicht mehr weggeschoben bekomme. Eine solche Angst kannte ich nicht, bevor ich Kinder hatte, obwohl der Zustand der Welt da auch nicht viel besser war. Ich möchte meine Kinder aber nicht in Angst großwerden lassen.
Und deshalb versuche ich, mich jeden Tag am Leben selber zu erfreuen. Weil Angst immerschon ein schlechter Ratgeber war und immer sein wird.