An den Landungsbrücken raus…

14. Mai 2016 10 Von Arlette
… dieses Bild verdient Applaus.
Ich war in Hamburg. Zuhause. Und ein paar Tage, bevor ich gefahren bin, lief dieses Lied von Kettcar in meinem Radio. Wie immer mußte ich heulen. An der Textstelle “…na dann herzlich willkommen zuhaus” bricht mir auch nach mehr als sechs Jahren im “Exil” fast das Herz. Ich wollte nienienie woanders leben, als eben in Hamburg, auch wenn ich, wie mein Mann so freundlich ist, immer wieder festzustellen, eigentlich nur eine “Rucksackhanseatin” bin. Dafür aber eine mit Leib und Seele. Bereits mit 5, nach einem Geburtstagsbesuch in Hagenbecks Tierpark, habe ich meinen Großeltern am Abendbrottisch verkündet, unbedingt in Hamburg wohnen zu wollen, wenn ich mal groß bin. Bis dahin floß allerdings noch eine Menge Wasser die Elbe, den Main und die Isar hinuntern, aber im Juni 1996 war es soweit: mit einem Peugeot205-großen Kofferraum voller Habseligkeiten landete ich in Hamburg. Sehnsuchtsstadt, Wunschwohnort, meine ganz eigene Vorstellung vom erwachsenwerden. 
 
Ich hab ein eigentlich perfektes Studium in München dafür geschmissen (und in meiner unendlichen jugendlichen Arroganz geglaubt, das ließe sich in Hamburg einfach nahtlos an anderer Stelle weiterführen), ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wovon ich meinen Lebensunterhalt bestreiten wollte oder was ich machen würde, wenn es nicht klappt mit meinen vagen Plänen für ein Studium – aber dass es Hamburg sein mußte oder nix, das wußte ich mit knapp 21 ganz genau. 
 
 
Es folgten mehr als 13 Jahre in dieser meiner Herzensheimat. Ich habe gearbeitet, eine Ausbildung gemacht, studiert, ich hatte eine Menge Jobs zur Finanzierung dieses Studiums (darunter der Kassenjob an der inzwischen abgerissenen Esso-Tanke am Spielbudenplatz), ich habe geliebt, gelacht, geweint, gelitten, gehadert, gefeiert und getanzt (auch morgens um 5 auf wackeligen Imbisstischen gegenüber der Davidswache), habe Freunde fürs Leben gefunden und andere verloren, bin auf den falschesten aller Männer hereingefallen und davongekommen, habe letztlich doch den richtigen getroffen, habe ein Kind nicht bekommen und ein anderes doch. Und dann war es vorbei, als Ende 2009 die Entscheidung Hamburg mit Kind allein und Pendelmann dazu oder Berlin als Familie anstand. 
Und heute war ich alleine mit meinem jüngsten Kind in der Stadt. Profan eigentlich, ein Zahnarzttermin. Aber das Wetter war mehr als nur schön, es war einer von diesen leuchtenden, perfekten, glasklaren Tagen, an denen der Himmel nirgends so blau ist, wie hier. Die Möwen nirgends so gut zu hören sind, die frische Brise auf der Haut genau richtig viel Ahnung von der Nähe zum Meer mitbringt, die Elbe in der Sonne glitzert und einfach alles passt. Und so habe ich mit der Mini eine kleine Reise durch mein Leben in dieser Stadt gemacht, erst an den Landungsbrücken raus, dann mit der HVV-Fähre zum Fischmarkt nach Altona, von dort über Breite Straße und Palmaille zum Bahnhof. Von dort nach Lokstedt, eine liebe Freundin besuchen. Und zum Abschluß mit der Buslinie 5 an meiner eigenen Vergangenheit rückwärts entlangfahren, vorbei an meiner letzten Wohnung hier, weiter vorbei an der ersten Wohnung, in der ich in Hamburg jemals übernachtet habe, an Hoheluft, Grindel und Uni entlang, über Dammtor, Jungfernstieg und Rathausmarkt bis zum Hauptbahnhof, abschließend noch vorbei an dem Haus, in dem ich mein erstes WG-Zimmer hatte. 
 
Ich wollte eigentlich nicht einsteigen in den Zug zurück nach Berlin, das will ich nie, wenn es Zeit wird, wieder zu gehen. Ich habe immer das Gefühl, ein Stück von mir bleibt einfach da, weil es nicht woanders sein will oder kann, als genau dort. Und wäre ich bei wünschdirwas, ich lebte mit meiner ganzen Familie genau dort. Aber wir sind halt bei soisses, also versuche ich (mit sehr wechselhaftem Erfolg…) das Beste draus zu machen, und hoffentlich irgendwann meinen Frieden damit, nur noch Gast zu sein in der in meinen Augen schönsten Stadt der Welt.